Heute Assistent, morgen Teamkollege – wie KI die Smart Factory verändert

Eine Keynote, viele Fragen. Mit «FUTURE GOES DIGITAL – Wie wird Digitalisierung zum Gamechanger in der industriellen Fertigung?» sorgte Lukas Naef, CEO der iDIP Solution AG, am _ae Open Day vom 7. Mai 2026 für ordentlich Gesprächsstoff. Wir wollten mehr wissen und haben bei Lukas nachgehakt. Schnell war klar: Ein Beitrag reicht nicht. Also machen wir eine dreiteilige Fachreihe über KI in der Industrie daraus. Zum Auftakt: Was verändert KI heute schon – und was kommt morgen?

Lukas, bei iDIP ist eine KI «Mitarbeiter des Monats». Ein guter Gag – oder erleben wir tatsächlich gerade eine neue industrielle Revolution?  
Nur halb ein Gag. Was wir gerade erleben, ist eine industrielle Revolution im Zeitraffer. Frühere Umbrüche haben Jahrzehnte gedauert, heute verändert sich die Welt innerhalb weniger Monate. Und wenn ich sehe, was sich allein in den letzten drei Jahren getan hat, wage ich kaum eine Prognose für die nächsten drei. Bei iDIP erleben wir das in unserer Softwareentwicklung hautnah: Seit Anfang Jahr 2026 haben wir unsere Entwicklungsgeschwindigkeit rund verfünffacht, bis Ende Jahr rechnen wir mit Faktor zehn. Das Berufsbild des Softwareentwicklers hat sich um 180 Grad gedreht. Er schreibt nicht mehr jede Zeile selbst, sondern beschreibt, prüft und steuert. Den Code generiert die KI. Das Ergebnis ist nicht nur schneller, sondern auch qualitativ besser. Das war vor zwei Jahren schlicht nicht möglich. Die Frage ist deshalb nicht, ob diese Entwicklung die Werkhalle erreicht, sondern viel mehr, wie schnell.

«Wir erleben eine industrielle Revolution im Zeitraffer.»

Lukas Naef, CEO iDIP Solution AG

Bei euch verändert KI bereits die Softwareentwicklung. Wie weit ist sie in der industriellen Produktion?  
Man muss zwei Welten unterscheiden. Die klassische KI liefert in der Produktion längst handfesten Nutzen: Vision-Systeme und Bilderkennung, Label-Erkennung, Anomalie-Erkennung, Predictive Maintenance, autonome Navigation oder Anlagensimulation. Das ist längst Alltag, umgesetzt von Spezialistinnen und Spezialisten wie aerne engineering. Mit den neuen Sprachmodellen kommt eine zweite Welt dazu: KI wird vom Spezialwerkzeug zum Assistenten, mit dem wir direkt kommunizieren und zusammenarbeiten können. Bei iDIP setzen wir dafür auf zwei Assistenten. Der erste ist der Digitalisierungs-Assistent: Per Chat baut man sich seine eigene Factory-App – sei dies für die Auswertung der Gesamtanlageneffektivität (OEE), für die Lagerverwaltung oder für Qualitätsmessungen. Ein paar Anweisungen an die KI, und die Anwendung entsteht direkt auf der Plattform. Von der Idee zur Factory-App in nur wenigen Minuten. Der zweite ist der Produktions-Assistent: Man fragt «Wie läuft die Produktion?» und bekommt beispielsweise zur Antwort: «Gut, ausser Linie 45. Hier ging die Taktzahl runter. Vermutlich ist die Lagerwartung an Maschine MSR7 dringend nötig.» Der Assistent analysiert die Daten, erkennt Auffälligkeiten, liefert passende Anleitungen und unterstützt bei der Fehlerbehandlung.

Eine KI, die Produktionsdaten analysiert und Fragen beantwortet. Was eröffnet das für Maschinenbauer wie aerne engineering und ihre Kunden?  
Für Maschinenbauer verschiebt sich der Wert von der Hardware hin zu dem, was rund um die Maschine passiert. Statt sich durch 300 Seiten Bedienungsanleitung zu arbeiten, fragt der Bediener künftig einfach: «Warum steht die Anlage und was muss ich tun?» Die Antwort erhält er aus der Dokumentation, der Störhistorie und den aktuellen Maschinendaten. Dazu kommen digitale Serviceanwendungen. Maschinenhersteller können den Zustand ihrer Anlagen aus der Ferne überwachen, Wartungen vorausschauend planen oder Ersatzteilbestellungen direkt aus einer Störmeldung auslösen. Auch Qualitätsprüfungen mittels Bilderkennung oder die Sprachbedienung direkt an der Anlage eröffnen neue Möglichkeiten. Das liefert echte Benefits: weniger Stillstand, schnellere Fehlerbehebung und eine einfachere Bedienung. Neue Fachkräfte können sich schneller einarbeiten, und wertvolles Wissen bleibt im Betrieb.

Spulen wir fünf Jahre vor: Du läufst 2031 durch eine Smart Factory. Was siehst du?  
Ich sehe drei Dinge. Erstens: Die Produktion digitalisiert sich selbst. Maschinenanbindung und die Entwicklung von Digitalisierungslösungen werden um ein Vielfaches einfacher. Unternehmen können ihre Prozesse zunehmend selbst digitalisieren – und zwar durch die Mitarbeitenden, die nah am Prozess arbeiten. Plattformen wie iDIP stellen die Grundlage dafür schon heute zur Verfügung. Zweitens: Die Fabrik ist im Dialog. Der Produktions-Assistent gibt direkt Feedback, schlägt Massnahmen vor und simuliert «Was passiert, wenn …?». Wir bewegen uns vom Reporting zur automatisierten Handlung. Und drittens: Physische KI kommt in die Produktionshalle. Humanoide Roboter werden mechanische Tätigkeiten übernehmen – später als die digitale KI, aber mit grosser Wirkung. Der Mensch bleibt dabei im Mittelpunkt: Er entscheidet, die KI arbeitet ihm zu.

KI nimmt uns also immer mehr Denkarbeit ab – macht uns das selbst dümmer?  
Die Fragen ist etwas zu generell gestellt, aber ja, die Gefahr ist real. Wir diskutieren sie auch in unserer eigenen Softwareentwicklung. Wer nur noch generieren lässt, ohne zu verstehen, verliert die Fähigkeit, Ergebnisse zu beurteilen. Deshalb gilt bei uns: Die KI generiert, der Mensch prüft und verantwortet. In der Produktion ist es nicht anders. Ein Assistent, der nur sagt «Drück Knopf B», macht abhängig. Einer, der erklärt, warum, baut Wissen auf. Richtig eingesetzt kann KI sogar Wissen sichern, das sonst mit der Pensionierung erfahrener Fachkräfte verloren ginge. Erfahrungswissen wird festgehalten und steht allen zur Verfügung. Entscheidend ist also nicht, ob wir KI einsetzen, sondern wie.

«Ein Assistent, der nur sagt ‹Drück Knopf B›, macht abhängt. Einer der erklärt, warum, baut Wissen auf.»

Lukas Naef, CEO iDIP Solution AG

Dein Rat Nummer 1 an Unternehmen, die jetzt mit KI anfangen wollen?  
Nicht mit der Technologie starten, sondern mit einem konkreten Problem. Wo verlieren wir Zeit? Wo stehen Maschinen unnötig still? Wo fehlen Informationen? Die Leute in der Produktion wissen meist am besten, wo es klemmt. Mit ihnen würde ich einen ersten Anwendungsfall auswählen, die nötigen Daten verfügbar machen und dann einfach loslegen. Lieber klein starten und schnell einen Nutzen zeigen, als monatelang das perfekte Konzept ausarbeiten.

Fortsetzung folgt: Der Pilot funktioniert. Und dann?  
Die KI läuft im Test. Doch wie schafft sie den Sprung in den Produktionsalltag? Im zweiten Teil unserer Fachreihe sprechen wir mit Lukas Naef darüber, warum so viele KI-Projekte genau an dieser Hürde scheitern – und wie es besser geht.

Lukas Naef  
Als CEO der iDIP Solution AG ist er überzeugt: KI wird die industrielle Produktion grundlegend verändern. Gemeinsam mit seinem Team lotet er aus, was heute schon möglich ist, geht neue Wege und macht anderen Mut, den ersten Schritt zu wagen. Denn wer die Zukunft mitgestalten will, muss auch mal etwas riskieren.

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